"Hauch
der Seele" in der Dankeskirche
Banchieri
Singers aus Ungarn boten Chorgesang in Vollendung
Bad
Nauheim
Wiederholt
ist zu beklagen, dass es in der Stadt Bad Nauheim an der Abstimmung
über musikalische Veranstaltungen fehlt. Wenn zwei Koncerte
mit hohem musikalischem Anspruch am gleichen Abend, gar zur
gleichen Zeit angeboten werden, dann werden im Grunde die gleichen
Rezipienten, die gleiche Zielgruppe angesprochen. Und das hat
zur Folge, dass der eine oder andere, im schlimmsten Fall beide
Veranstalter, darunter zu leiden haben. Am letzten Wochenende
waren es die "Banchieri Singers", ein A-capella-Sextett aus
Ungarn, auf deren Kosten diese fehlende Absprache ging. Denn
nur etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörer verloren sich in der Weite
der Dankeskirche Bad Nauheim.
Dabei
hätten die Darbietungen des A-capella-Sextetts am Sonntag "Cantete
Domino" eine viel größere Resonanz, ja eine volle Kirche verdient.
Das Ensemble, das sich nach dem damals bekannten und als Lehrer
gesuchten italianischen Renaissance-Komponisten Adriano Banchieri
(1568 bis 1634) bennent, hat seine Wurzel in dem renommierten
Musikschule "Zoltán Kodály" in Nyíregyháza (Ostungarn). Die
berühmten ungarischen Musiker, Komponisten und Musikpädagogen
Zoltán Kodály und Béla Bartók haben in der ersten Hälfte des
letzten Jahrhunderts das ungarische Bauernlied in seiner Bedeutung
als eigenständige Volkskunst erkannt, es gesammelt, und kompositorisch
bearbeitet. Auf ihr Wirken geht auch die vorbildliche Pflege
des Singens in den Schulen und der Chormusik des Landes zurück.
Alle
Mitglieder der "Banchieri Singers" - Ildikó Földesi und Olga
Major (Sopran), László Leányvári (Countertenor), Szilárd Szilágyi
(Tenor), Soma Szabó (Bariton und Leiter der Gruppe) und Gábor
Nagy (Bass) - haben diese Schule besucht, dort eine vorzügliche
Ausbildung genossen und im zur Schule gehörenden Jugendchor
"Cantemus" aals Solisten gesungen.
Nach
Beendigung ihrer Schulzeit gründeten sie 1988 das Ensemble "Banchieri
Singers" und haben in der Mitte der 90er Jahre bei dem Internationalen
Chorwettbewerb in Arezzo/Italien den ersten Preis errungen.
Sie unternahmen Koncertreisen durch Ungarn, nach Belgien, Deutschland,
England, Frankreich, Russland und Japan. Zur Weiterbildung besuchten
sie viele Meisterkurse, darunter auch bei Mitgliedern der "King's
Singers", offensichtlich mit Großem Erfolg; denn nach dem Koncert
in der Dankeskirche kann man ohne jegliches Einschmälern sagen:
Die "Banchieri Singers" brauchen einen Vergleich mit ihren ehemaligen
Lehrern nicht zu scheuen.
Das
bewies jede einzelne Nummer ihres reichhaltigen Programms, bei
dem sie sich nicht nur auf geistliche Musik beschränkten, sondern
eine große Bandbreite darboten. Sie überzeugten mit Motetten,
mit klassischen Renaissance-Madrigalen ebenso wie in zeitgenössischen
ungarischen Vokalkompositionen und in modernen, lebhaften Arrangements
von Jazz- und Popsongs. Sie sangen in Vollendung vier- bis sechsstimmig,
letzteres in dem "Sanctus" aus der berühmten "Missa Papae Marcelli"
von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525 bis 1594), mit der
Komponist jahrhundertelang die geistliche Musik der Welt beeinflusst
hat. Das einigende Band aller ihrer Darbietungen waren die hervorragend
ausgebildeten Stimmen, die mit Lockerheit, Brillanz und Kopfstimme
allen Anforderungen gerecht wurden: der Vielfalt der Stilrichtungen,
dem wechselnden Inhalt, den verschiedenartigen Klangfarben,
der Dynamik, die sich von dem leisesten "sotto voce" über das
Piano bis zum metallenen Fortissimo entfalteten. Aber nie wollte
eine Stimme in solistischer Manier glänzen. Immer stand der
homogene Gesamtklang - selbst bei solistischen Partien - im
Vordergrund.
Die
von ihnen zuletzt besungene CD trägt nach dem Text eines Madrigals
den Titel "L'anima Spiro" - "Hauch der Seele". Er kennzeichnet
treffend die Eigenart ihres Gesanges. Er ist getragen von lebendigem
Atem, mit Gefühl und Seele erfüllt die aber nie in Sentimentalität
abgleiten. Das bewahrheitete sich in den bekannten Madrigalen
"Komm zurück, Herzallerliebste mein" von John Dowland und "Mit
Lieb bin ich umfangen" von Hans Leo Hassler. Noch nie hat der
Rezensent sie so zart, werbend und eindringlich bittend gehört
wie von den "Banchieri Singers". Ihre lupenreine Intonation
und Stilsicherheit konnten sie in den Gesängen des Fürsten Don
Carlo Gesualdo zeigen, dessen Gedächtnis in der Musikgeschichte
vor allem durch den von ihm gedungenen Mord an seiner schönen
Frau und ihrem Liebhaber überliefert wurde. In seiner Chormusik
verlässt er den traditionellen Regelkanon, um durch geradezu
modern anmutende Chromatik, Dissonanzen "wahr" zu komponieren,
seinem Schmerz gültigen Ausdruck zu verleihen, so in "Omnes
amici" und "S'io non miro" Glanzstücke der italianischen Vokalkunst
mit höchstem Anspruch.
Bereichert
wurden die Darbietungen auch durch Werke italienischer, englischer,
deutscher - der romantischen "Abendlied" von Joseph Rheinberger
- und niederländischer Komponisten, bei denen neben Innigkeit
und Schmerz auch die Freude, der Spaß aufblitzten, durch dezentes
mimisches und gestisches Spiel der Sängerinnen und Sänger verstärkt.
Selbst bei der rhythmisch ungemein lebendigen Weisen aus der
zeitgenössischen ungarischen Chormusik und den farbigen Arrangements
von Gershwin "Summertime",b Knights "Londonderry Air" und Newmanns
"Dayton Ohio" wurden nie populistische Tendenzen gesucht.
Die
Zuhörinnen und Zuhörer waren begeistert und "erbettelten" sich
durch ihren langen dankbaren Beifall noch zwei Zugaben.
Josef
Flörsch